Faszination
Popcorn.
Gerade am Anfang meiner Selbständigkeit war ich kein Stratege. Eher folgte ich meiner Abenteuerlust und Intuition. Ich warf mich ins Geschehen, probierte Dinge aus, irrte, fand spontane Lösungen für Probleme und hatte mal Glück, mal Pech. Doch irgendwann wuchs der Raum der Möglichkeiten und fruchteten meine Ideen. Dass ich letztlich mit Popcorn mein Geld verdiente, war im Grunde Zufall – aber ein schöner!
Illustrationen: Jan Robert Dünnweller

«Die schlechten Zeiten waren die besten, denn durch sie bin ich gewachsen, habe mich in Frage gestellt und Neues ausprobiert.»
Die Anfänge
Als ich mich 1974 selbstständig machte, war ich noch ein halbes Kind. Ich war 24 Jahre alt, hatte eine Lehre als Einzelhandelskaufmann abgeschlossen, war Hippie und DJ, hatte mit psychedelischen Drogen und Meditationstechniken experimentiert und war auf dem Hippie-Trail nach Indien gereist.
Nach meiner Rückkehr brauchte ich dringend einen Job. So kam es, dass ich in der Frankfurter Rundschau eine Anzeige entdeckte: Eine Firma aus Frankfurt am Main, die mit Popcornmaschinen und Mais handelte, suchte einen Verkäufer. Der Chef war ein echtes Original, Typ Pferdehändler – ein cleverer Geschäftsmann mit guter Menschenkenntnis. Sein Geschäft lag im Kellergeschoss eines Privathauses. Dort saß er am Schreibtisch, stets mit Zigarre im Mund, auch, wenn sie längst erkaltet war. Und manchmal fiel ihm die Asche auf den Bauch, der seiner Vorliebe für Schokolade geschuldet war.
Außer dem Chef gab es in der Firma nur noch eine Buchhalterin, die zugleich Sekretärin war. Ich stellte mich vor und bekam die Stelle. Von nun an fuhr ich mit einem quittegelben Ford Granada Kombi durch Deutschland, Luxemburg, die Schweiz und Österreich, um die Ware auszuliefern und den Kunden zu zeigen, wie die Popcornmaschinen funktionieren.
Mein Arbeitgeber war zu der Zeit der Einzige in Deutschland, der diese Marktlücke bediente. Außerdem besaß er die Alleinvertriebsrechte der amerikanischen Maschinen-Hersteller. Seine Kunden waren vor allem Schausteller, die erst vereinzelt damit anfingen, auf den Jahrmärkten Popcorn anzubieten. Man kann es sich kaum vorstellen: Mais war damals bei vielen noch als Hühnerfutter verschrien und längst nicht jeder kannte den Naschtrend aus den USA.
Nach Deutschland kam der Puffmais letztlich vor allem durch die amerikanischen Streitkräfte. Damals tat man in den US-Kasernen in Deutschland viel, um das Heimweh der Soldaten zu lindern und ihren Gemeinschaftsgeist zu stärken. Das bedeutete unter anderem, auch im Ausland die Heimatkultur zu pflegen – deshalb gab es in den Militärbasen zum Beispiel oft Basketballfelder, Kinos und eben auch Popcornmaschinen.
Mein Chef erwies sich also als jemand mit einem guten Riecher: Denn damals begann sich das Popcorn langsam auch bei uns zu verbreiten. Außerdem machten bei dem Geschäft alle Beteiligten einen guten Schnitt: Nicht nur der Vertrieb der Maschinen und des Zubehörs spielte gutes Geld ein, auch der Verkauf. Denn Mais war günstig und die Gewinnmargen hoch.

«Ich gründe einfach eine Firma, verkaufe sie nach zehn Jahren wieder und setze mich dann zur Ruhe», dachte ich damals in meinem jugendlichen Optimismus.»
Träume und
Illusionen.
Etwa anderthalb Jahre blieb ich in der Firma, tauchte ein in die für Außenstehende sonst verschlossene Welt der Schausteller mit ihren besonderen Bräuchen und Ehrenkodexes und sammelte wertvolle Erfahrungen. Außerdem wuchs mein Wunsch, mich ebenfalls selbständig zu machen.
«Ich gründe einfach eine Firma, verkaufe sie nach zehn Jahren wieder und setze mich dann zur Ruhe», dachte ich damals in meinem jugendlichen Optimismus. Hätte ich gewusst, auf was ich mich tatsächlich einlasse, hätte ich den Mut dafür womöglich nicht aufgebracht, denke ich heute. Aber in diesem Fall bin ich froh um meine anfänglichen Illusionen, denn meine Zuversicht hat mich damals getragen.
Ich erwarb eine Popcornmaschine und begann damit, in der Garage unseres Einfamilien-Bungalows Puffmais herzustellen, ihn in Plastikbeutel zu verpacken, in meinen gebrauchten Opel Caravan zu laden und am Langener Waldsee zu verkaufen. Das lief mal besser und mal schlechter.
An einen Tag meiner frühen Selbständigkeit erinnere ich mich noch gut: Wenige Kilometer von Zuhause war mir das Benzin ausgegangen. Hilflos und ohne einen Pfennig in der Tasche stand ich am Straßenrand, als ein Autofahrer stoppte, zu seinem Ersatzkanister griff und lächelnd Benzin in meinen Tank goss.
Mir war das unfassbar unangenehm, zumal ich ihm offenbaren musste, dass ich ihm dafür kein Geld geben konnte. Erst schaute er mich böse an, doch dann fiel mir ein, dass ich ihm etwas von dem indischen Kunsthandwerk aus meinem Kofferraum anbieten konnte, das ich importiert hatte und auf Flohmärkten verkaufte. Er suchte sich etwas aus, füllte meinen Tank auf und ich konnte nach Hause fahren.
Bald darauf allerdings stieg der Druck, Geld zu verdienen. Ich heiratete jung und wurde mit 25 Jahren Vater. Umso mehr stürzte ich mich in die Arbeit und suchte einen Weg, selbst in den Handel mit Popcorn- und Zuckerwattemaschinen sowie Mandelröstern einzusteigen. Das war nicht ganz einfach, schließlich besaß mein voriger Arbeitgeber noch immer die Alleinvertriebsrechte der amerikanischen Hersteller.

«Oft folgte ich meiner Intuition, nicht genau wissend, ob ich damit richtig lag. Aber das Interessante war: Wenn ich mich wirklich öffnete, entstanden jedes Mal neue Wege, ploppten ungeahnte Möglichkeiten auf.»
Mit 3.500 D-Mark
in bar nach
Thessaloniki.
Doch dann spielte mir das Glück erneut in die Karten: In einer Zeitungsanzeige las ich, dass im Freihafen von Thessaloniki eine Sendung indischer Popcornmaschinen aus Bangalore zum Verkauf stand. Sofort machte ich mich auf den Weg, nahm ein Flugzeug nach Istanbul und stieg dort in den Zug nach Thessaloniki.
Die nächste Hürde ließ jedoch nicht lange auf sich warten: Ich saß gerade mit drei anderen Reisenden in einem Sechser-Abteil, als ich erfuhr, dass man pro Person nur 1000 D-Mark nach Griechenland einfuhren durfte. «Wenn ich jetzt erwischt werde, ist mein Geld weg», dachte ich, denn ich hatte 3.500 D-Mark dabei, um die Maschinen bar zu bezahlen. Also vertraute ich mich meinen Mitreisenden an und fragte, ob sie mir helfen würden. Sie nickten und so teilte ich jedem einen Stapel Geld zu. Nach dem Grenzübertritt sammelte ich es wieder ein – und alles ging gut.
Solche etwas chaotischen Situationen, in denen mir spontan Lösungen einfielen, sich Türen öffneten oder ich von anderen unterstützt wurde, haben mein positives Weltbild übrigens oft gestärkt. Natürlich gab es im Laufe meines langen Unternehmerlebens auch Enttäuschungen und bittere Erfahrungen. Aber am Ende überwogen immer die positiven Begegnungen.
Anfangs konnte ich es mir beispielsweise auch nicht leisten Popcornmais zu importieren, weil ich dafür einen Container mit 800 Säcken hätte vorfinanzieren müssen, außerdem fehlte mir ein entsprechend großes Lager. Doch irgendwann stieß ich auf einen Hamburger Importeur, der den Mais auch in kleineren Mengen lieferte – noch dazu auf Kommission. Durch meine beharrliche Suche lernte ich viele feine Menschen kennen, die mir vertrauten und immer wieder Chancen gaben.
Durchbrüche und
Stolpersteine.
Der Verkauf der Popcornmaschinen aus Bangalore markierte einen Durchbruch in meiner unternehmerischen Laufbahn. Ich hatte sie aus Thessaloniki nach Deutschland verschiffen lassen und sie gingen weg wie warme Semmeln.
Nun konnte das Geschäft richtig losgehen! Außerdem hatte mein ehemaliger Chef in der Zwischenzeit seine Firma verkauft und die amerikanische Branche war auf mich aufmerksam geworden.
Ich sicherte mir die Alleinvertriebsrechte zweier konkurrierender Hersteller für den deutschen Markt, außerdem ließ ich mich im Branchenbuch «Wer liefert was?» eintragen, wo ich viele Jahre ganz allein gelistet war.
Doch auch als das Geschäft anzog, waren meine Anfangsjahre oft noch hart. Es gab viele Höhen und Tiefen, Zweifel und Ängste. Statt Geld beiseite zu legen, steckte ich es oft in Werbeanzeigen. So kam es einige Male dazu, dass ich am Ende des Jahres keine Reserven mehr hatte. Diesen «Fehler» machte ich mehrmals – jedes Mal zunächst getrieben von Hoffnung und dann frustriert, «so dumm gewesen zu sein».
Immer wieder musste ich spontan Probleme lösen und Herausforderungen meistern, für die ich keinen Masterplan hatte. Oft folgte ich dabei meiner Intuition, nicht genau wissend, ob ich damit richtig lag. Aber das Interessante war: Wenn ich mich wirklich öffnete, entstanden jedes Mal neue Wege, ploppten ungeahnte Möglichkeiten auf.
Heute würde ich sogar sagen: Die schlechten Zeiten waren die besten, denn durch sie bin ich gewachsen, habe mich in Frage gestellt und immer wieder Neues ausprobiert. Selbst mein Frust über das anfangs in Anzeigen «versenkte» Geld löste sich auf: Denn mit der Zeit sorgten genau diese Investitionen für neue Kundschaft – und so wuchs das Geschäft irgendwann wie von selbst.

«Natürlich gab es im Laufe meines langen Unternehmerlebens auch Enttäuschungen und bittere Erfahrungen. Aber am Ende überwogen immer die positiven Begegnungen.»
Das Popcorn
kommt ins Kino.
Im Lauf der folgenden Jahre gelang es mir sogar, das Popcorn-Geschäft in Deutschland um ein wichtiges Feld zu erweitern: Das Kino. Heute, wo der Duft nach frisch gepufftem Mais zu jedem Kinobesuch gehört, kann man kaum glauben, wie schwer es damals war, die Kinobetreiber vom Popcorn-Verkauf zu überzeugen. Sie hatten immense Bedenken: Das laute Knuspern würde das Filmerlebnis stören, hieß es, außerdem würden die weißen Flocken die Böden der Kinosäle verschmutzen.
Aber ich sah eine Marktlücke und brannte für sie und so stürzte ich mich mit ganzer Kraft und Kreativität in das Verfolgen meines Zieles. Immer wieder erschien ich als Aussteller mit meinen Popcornmaschinen auf Kinomessen und bewarb den Snack aus Amerika.
So gelang es mir schließlich, der erste Großhändler zu werden, der das deutsche Kinogeschäft belieferte. Heute kann ich mit Freude und Stolz sagen: Ich bin einer der Popcorn-Pioniere in Deutschland.
Weiterreisen ...
Tempel, Gurus und Geschäfte: Ein Trip nach Delhi und Kathmandu. Ist der Reiseappetit erst einmal geweckt, wird er nur größer. Deshalb reiste ich 1974 erneut nach Indien und dieses Mal auch nach Nepal. Schließlich zählte Kathmandu zu jener Zeit zu den bekannten Endpunkten des Hippie Trails..
Helmut Haase
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