Tempel, Gurus und Geschäfte.
Ein Trip nach Delhi und Kathmandu.
Ist der Reiseappetit erst einmal geweckt, wird er nur größer. Deshalb reiste ich 1974 erneut nach Indien und dieses Mal auch nach Nepal. Schließlich zählte Kathmandu zu jener Zeit zu den bekannten Endpunkten des Hippie-Trails.
Illustration: Thit Thyring

«Das Lied ‹Katmandu, I'll soon be seeing you› von Cat Stevens lief auf meinem Walkman auf Dauerschleife. Voller Erwartungen war ich auf dem Weg dorthin.»
Im Jumbo-Jet auf dem Weg nach Indien
Nachdem ich 1972 auf dem Hippie-Trail über Land nach Indien gereist war, spürte ich es zum ersten Mal – jenes Gefühl, das ich bis heute nicht losgeworden bin. Es ist eine Art Ziehen in der Brust und eine Stimme, die flüstert: «Da fehlt noch was!»
Ich glaube, es erwischt einen, sobald man zum ersten Mal richtig gereist ist, Abenteuer erlebt oder Unwägbarkeiten überstanden hat. Denn dabei eröffnen sich einem neue Welten – und die wiederum verleiten dazu, noch mehr sehen und verstehen zu wollen. So geht es mir. Es fehlt eigentlich immer noch etwas.
So ist es kein Wunder, dass es mich schon kurze Zeit nach meinen Hippie-Trail wieder in die Ferne zog. Es muss im Januar 1974 gewesen sein, als ich gemeinsam mit meinem Freund Werner, einem Fotografen und Erfinder aus Berlin, meine zweite Indien-Reise antrat, die wir mit einem Trip nach Nepal verbanden. Schließlich war Kathmandu einer der Endpunkte des legendären Hippie-Trails – und dorthin hatte ich es beim ersten Mal nicht geschafft.
Ich erinnere mich noch, wie ich im Jumbo-Jet der Pan Am Airlines saß und mit leuchtenden Augen auf die tief unter mir vorbeiziehenden nächtlichen Lichter Pakistans schaute oder im Morgengrauen die schneebedeckten Berge und Schluchten des Himalaya-Massives entdeckte. Das Lied «Katmandu, I'll soon be seeing you» von Cat Stevens lief auf meinem Walkman auf Dauerschleife. Voller Erwartungen war ich auf dem Weg dorthin.
«Nebel und Rauchschwaden zogen durch die Straßen. Streunende Hunde schauten uns verschlafen an. Überall am Wegesrand gab es offene Feuerstellen, an denen sich Menschen nach dem Aufwachen wärmten. Denn es war Januar und da kann es in Delhi nachts noch empfindlich kalt sein.»
Gäste, die wie Götter behandelt werden
Zuerst aber ging es nach Delhi. Und das hatte einen Grund: Damals verkaufte ich bereits seit ungefähr einem Jahr mit einem Reisegewerbeschein selbst hergestelltes Popcorn auf Flohmärkten und am Langener Waldsee, dem größten Badesee im Rhein-Main-Gebiet. Dabei halfen mir manchmal zwei Brüder, die in Frankfurt lebten, aber aus Indien kamen. Sie hatten uns eingeladen, ihre Familie in Delhi zu besuchen und auch einige Tage bei ihnen im Stadtviertel Roop-Nagar zu bleiben – Werner und ich waren dankbar. So hatten wir einen Anlaufpunkt.
Die Familie gehörte der Sikh-Religion an, der viertgrößten Religionsgemeinschaft Indiens, die man an ihren kunstvoll gebundenen, oftmals farbigen Turbanen erkennt. Mit ihnen verdecken sie ihre Haare, die sie traditionellerweise nicht schneiden – aus Respekt vor der Schöpfung. Die Gastfreundschaft der Familie war legendär. Bei ihnen hieß es, Gäste seien Gott gleichgestellt – entsprechend wurden wir umsorgt. Noch vor Sonnenaufgang klopfte es zum Beispiel an unserer Zimmertür und wir bekamen einen herrlich dampfenden «Early Morning Tee» ans Bett.
Apokalyptische Szenen
An einem Morgen verabredete ich mich mit dem Oberhaupt der Familie. Ich wollte ihn begleiten, wenn er um 4:30 Uhr zu Fuß zum Gurdwara-Tempel nahe des Altstadtbasars Chandni Chowk lief. Etwa anderthalb Stunden dauerte unser Marsch, der gespickt war mit Szenen, die ich nie vergessen werde.
Nebel und Rauchschwaden zogen durch die Straßen. Streunende Hunde schauten uns verschlafen an. Überall am Wegesrand gab es offene Feuerstellen, an denen sich Menschen nach dem Aufwachen wärmten. Denn es war Januar und da kann es in Delhi nachts noch empfindlich kalt sein. Dutzende Menschen schliefen noch auf den Gehwegen und ließen sich auch nicht in ihrer Nachtruhe stören, als ein Karren, beladen mit den Körpern verstorbener Menschen, an ihnen vorbeifuhr.
Für mich, für den ohnehin alles fremd war, hatte diese Momentaufnahme etwas Apokalyptisches. Tief bewegt lief ich weiter. Erst später erfuhr ich, dass in der Nähe unseres Weges ein Krematorium lag, zu dem jene Leichen vermutlich gebracht wurden. Was für mich seltsam anmutete, war dort einfach ein Stück Alltag.
Am Tempel angekommen, einem filigranen weißen Bau mit mehreren goldenen Kuppeln, befanden wir uns bald in einem bunten Treiben. Unzählige gläubige Sikhs waren an jenem Morgen zum Gurdwara-Tempel gekommen, um zu beten. Gurdwara bedeutet so viel wie «Tor zum Guru» und der Tempel steht allen Menschen offen, man muss nur seinen Kopf mit einem Tuch bedecken und seine Schuhe ausziehen.
Wir betraten das Herz des Tempels und setzten uns im großen, mit Gold und Wandmalereien verzierten Innenraum auf den Boden. Glöckchen erklangen, die Töne stammten von mehreren kleinen Harmonien, den Tablas, die mehrere Männer per Hand betrieben; dazu sangen sie, ihr Gesang wurde per Lautsprecher übertragen und beschallte bald den ganzen Tempel. Anschließend wurde gebetet. Es herrschte eine Atmosphäre der Hingabe, Akzeptanz und Offenheit, in der auch ich mich willkommen und angenommen fühlte.
Über all jenen Szenen schien ein sanftes Lächeln zu schweben. Nach der Zeremonie schaute man sich gegenseitig freundlich und glücklich in die Augen. Und als wir den Tempel verließen, wartete bereits ein Fahrer auf uns, der uns mit dem Auto abholte und zum Frühstück ins Haus meines Gastgebers zurückfuhr. Dort setzten sich alle sieben Söhne nacheinander neben den Vater. Doch bevor sie sich niederließen, küsste ein jeder erst dessen Füße und dann die der jeweils älteren Brüder. Werner und ich hatten so etwas noch nicht erlebt. Aber obwohl ihre Lebensweise und Traditionen so anders waren als unsere, fühlten wir uns wohl und als Teil der Familie.
Auch stellte ich fest, dass genau diese Art zu Reisen, zu mir passte. So bin ich bis heute am liebsten unterwegs: Ich plane nur die Grundzüge meiner Aufenthalte – und lasse mich dann treiben und vor allem auf die Orte, Menschen und Geschehnisse um mich herum ein. Ich habe da ein großes Vertrauen. Wenn sich Gelegenheiten zu neuen Erfahrungen bieten, nehme ich sie an. Auf diese Weise wurde ich schon mit vielen besonderen Erlebnisse beschenkt und öffneten sich Türen, die normalen Touristen meist verschlossen bleiben.

«So bin ich bis heute am liebsten unterwegs: Ich plane nur die Grundzüge meiner Aufenthalte – und lasse mich dann treiben und vor allem auf die Orte, Menschen und Geschehnisse um mich herum ein. Ich habe da ein großes Vertrauen.»
Erste Begegnung mit den Kinnar
An einem der Abende wurden Werner und ich zu einem religiösen Fest eingeladen. Dort begegneten ich zum ersten Mal den sogenannten Kinnar – es sind Transpersonen, auch Hijras oder Eunuchen genannt, die meist ungefragt bei Festen und Hochzeiten erscheinen. Mit stimmungsvollen, oft lauten Gesängen, Trommeln und wilden Tänzen sorgen sie für Aufmerksamkeit und schenken ihren Segen. Jedenfalls jenen, die bereit sind, dafür etwas zu spenden. Wehe denen, die es nicht tun, sagt man.
Damals wusste ich so gut wie nichts über die Lebensweisen und die Gemeinschaft der Kinnar – aber es passierte etwas, das mir beim Reisen öfter geschieht: Ich stieß auf ein neues Thema, zu dem ich mehr wissen und mit dem ich mich eingehender beschäftigen wollte. Und viele Jahre später gelang es mir tatsächlich, näheren Kontakt zur Gemeinschaft der Kinnar aufzunehmen. Dabei lernte ich mehr über das harte Los, das sich hinter ihren auf den ersten Blick so bunt und gesellig wirkenden Auftritten verbarg. Aber das ist noch einmal eine eigene Geschichte wert.
Tief beeindruckt und angezogen von der Intensität der indischen Spiritualität besuchten Werner und ich in Delhi außerdem das Ashram eines Gurus, der in Europa und Amerika in den 1970er Jahren viele Anhänger hatte. Wir waren in Deutschland beide in der Hippie-Szene unterwegs und neugierig, welche Rolle dieser Guru in Indien spielte. Allerdings zeigte er sich etwas zu bemüht, uns in seine Organisation einzubinden, und so machten wir uns mit etwas gemischten Gefühlen wieder aus dem Staub.
Kathmandu Calling
Etwa eine Woche blieben wir bei der Sikh-Familie, die wir auf dem Rückweg erneut besuchen wollten. Dann begaben wir uns nach Nepal, in den Sehnsuchtsort Kathmandu. Schon auf dem Weg dorthin, im Flieger von Delhi nach Lucknow, begegnete uns der nächste Guru – quasi über den Wolken. Dieser hatte nicht nur eine charismatische Ausstrahlung, er saß während des gesamten Fluges auch aufrecht auf einem Tigerfell.
Als wir im Anflug auf Lucknow aus dem Fenster blickten, sahen wir, dass am Flughafen schon Tausende Menschen auf ihn warteten. Ich wusste ja bereits, welche bedeutende Rolle der Spiritualität in Indien zukam, nach der Begegnung mit dem Guru in dem Ashram in Delhi, war jedoch eine weitere Erkenntnis in mir gereift: Spiritualität dürfte für manche auch eine einträgliche Geschäftsidee sein!
Von Lucknow aus flogen Werner und ich weiter nach Patna, dem letzten Flughafen in Indien. Die Maschine der Royal Nepal Airlines DC-3 brauchte von dort dann nur noch 40 Minuten bis nach Kathmandu. Allerdings musste ich mich in Patna erst den Fragen der Zoll-Beamten stellen. Denn der kleine tragbare Fernseher, den ich dabeihatte, war bei der Einreise nach Indien in meinem Reisepass vermerkt worden. Das war mir gar nicht recht, denn ich wollte ihn in Nepal verkaufen. Technische Geräte «Made in Germany» waren damals in Indien und Nepal begehrt – und ich wollte mit dem Verkauf meine Reise querfinanzieren. Deshalb hatte ich auch zahlreiche LED-Uhren und Taschenrechner in meinem Reisegepäck.
Als mich der Zoll fragte, was es mit dem Fernseher auf sich hatte, griff ich spontan zu einer Notlüge. «Wir wollen eine TV-Fabrik in Nepal aufbauen», behauptete ich. «Und das ist der Prototyp!» Damit hoffte ich, mich möglichst schnell aus der Affäre ziehen zu können. Doch das Gegenteil war der Fall: Postwendend wurden wir vom Flughafendirektor als VIPs zum Tee eingeladen.
Das war mir natürlich unangenehm. Außerdem stiegen die ersten Passagiere schon in die Maschine, während wir noch auf den Tee warten. Und als der Tee dann endlich kam, war er so heiß, dass wir einige Zeit zum Austrinken brauchten. Ich wurde nervös. Alle Passagiere waren inzwischen eingestiegen und die Propeller der DC-3 drehten sich bereits. Doch die Männer vom Flughafen beruhigten mich mit den Worten: «Don't worry, plane will wait!»
Als wir endlich ins Flugzeug steigen konnten, teilte man uns mit, dass die gesamte erste Reihe für uns reserviert war. Und während des Fluges und der Landung lud uns der Pilot ins Cockpit ein. Im blendend klaren Licht und einem schier endlosem Bergpanorama zeigte er uns den Mount Everest. Zwar ließ sich dieser von oben von den vielen anderen gigantischen Gipfeln kaum unterscheiden, dennoch war der Ausblick wunderschön! Viel zu schnell war der Flug vorüber und wir landeten auf dem kleinen Flughafen im Kathmandutal.

«Schon auf dem Weg dorthin, im Flieger von Delhi nach Lucknow, begegnete uns der nächste Guru – quasi über den Wolken. Dieser hatte nicht nur eine charismatische Ausstrahlung, er saß während des gesamten Fluges auch aufrecht auf einem Tigerfell.»
Das Murmeln der Mönche in einer Stadt, die wie ein Museum scheint
In Kathmandu wohnten wir bei einem älteren Ehepaar direkt neben dem Stupa von Bodnath, einem der wichtigsten Ziele für buddhistische Pilger aus Nepal und dem Himalaya. Die Gläubigen treffen sich vor allem im Morgengrauen und zur Abenddämmerung, um das Bauwerk im Uhrzeigersinn zu umrunden und dabei die Gebetsmühlen an der Außenwand zu drehen.
In Kathmandu hatten Werner und ich außerdem wieder einen Anlaufpunkt: Mein Freund Andreas, den ich aus der Kasseler Hippie-Szene kannte, lebte damals in Nepal und lernte die Malerei von Thangkas – traditioneller buddhistischer Rollbilder, die auf Leinen gemalt und zur Meditation aufgehängt werden.
Kathmandus Altstadt um den Königspalast erschien mir wie aus der Zeit gefallen oder wie ein gigantisches Museum. Dazu die klare Luft – kein Vergleich zu Delhi! – und das stimmungsvolle Gebrabbel der Mönche als Hintergrundsound. Was uns zudem bald auffiel, war die Fröhlichkeit der hier häufig zu sehenden Tibeter, die mit ihrem herzlichen Lächeln aus der Masse herausstachen.
Ein mir gleichaltriger buddhistischer Mönch lud uns zu einer Zeremonie ins nahe Kloster ein. Es gab Buttertee, der sehr ungewohnt schmeckte. Mit monotonen Stimmen rezitierten die Mönche heilige Texte, die von den tiefen Tönen voluminöser Dungchen, der Tibetischen Langhorntrompeten begleitet wurden.
Eine ganz andere Erfahrung machten wir am Swayambhunath-Stupa auf einem Hügel im Westen der Stadt – dort wimmelte es von Rhesusaffen, die nicht gerade freundlich waren. Ein besonders muskulöses Männchen fixierte mich und die Kekse, die ich in der Hand hielt.
Doch statt den hingehaltenen Keks zu nehmen, bedrohte es mich mit seinem furchterregenden Gebiss und krallte sich blitzschnell die ganze Packung. Ehe ich mich versah, schnappte er sich auch den hingehaltenen Keks. Ich hatte Glück, dass er mich nicht gebissen hat.
Allerdings wurde ich kurz darauf krank. Ich hatte mich tüchtig erkältet. Meine Gastgeber gaben mir Rohopium, das ich gering dosiert in meinem Tee auflösen sollte. Es war damals ein gängiges Hausmittel, um Erkältungen zu kurieren. Ich probierte es aus. Und tatsächlich half es – übrigens ganz ohne Rausch. Am nächsten Tag fühlte ich mich gleich deutlich besser.

«Kathmandus Altstadt um den Königspalast erschien mir wie aus der Zeit gefallen oder wie ein gigantisches Museum. Dazu die klare Luft — kein Vergleich zu Delhi! — und das stimmungsvolle Gebrabbel der Mönche als Hintergrundsound.»
Geschäfte muss man nehmen, wie sie kommen
Mit zurück gewonnener Kraft, gelang es mir dann den kleinen tragbaren Fernseher und auch die letzten Elektronik-Artikel, die sich noch in meinem Gepäck befanden, gewinnträchtig zu verkaufen. Dafür nutzte ich den frei gewordenen Platz in meinem Koffer, um mich mit allerlei Antiquitäten und Kunsthandwerk einzudecken, darunter zahlreiche Drucke auf Reispapier mit buddhistischen Motiven, die ich daheim verkaufen wollte.
Mit all diesen Kostbarkeiten flogen Werner und ich schließlich zurück nach Delhi, wo ich mit der Sikh-Familie meine erste Business-Kooperation gründete, eine Joint Venture. Sie finanzierten eine große Luftfracht Sendung, die ich mit den beiden Brüdern aus Frankfurt, die mich zu ihnen geschickt hatten, daheim auf dem Flohmarkt verkaufte. Die Gewinne teilten wir uns.
Letzten Endes war dieses Geschäft zwar weniger erfolgreich als erwartet, aber immerhin war ich um zahlreiche Erlebnisse und Erfahrungen reicher! Ich hatte sozusagen einen inspirierenden Umweg gemacht, bei dem ich viel gelernt hatte. Außerdem konnte ich nun eine klare Entscheidung fällen: Ich fokussierte mich Zuhause nun weiter auf das Popcorn-Geschäft, mit dem ich schon vor meiner Reise begonnen hatte.
Und bald schon hörte ich von einer Sendung wertvoller Popcorn-Maschinen, die aus Bangalore in Süd-Indien kommend im Freihafen der griechischen Stadt Thessaloniki zum Verkauf standen. Damit war der Grundstein für mein Geschäft und weitere Indienreisen gelegt ...
Weiterreisen ...
Faszination Popcorn: Gerade am Anfang meiner Selbständigkeit war ich kein Stratege. Eher folgte ich meiner Abenteuerlust und Intuition. Ich warf mich ins Geschehen, probierte Dinge aus, irrte, fand spontane Lösungen für Probleme und hatte mal Glück, mal Pech.
Helmut Haase
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